Bild: Chiplanay, Pixabay

Zu den auffälligsten Persönlichkeiten im letzten Jahr gehörte ohne Zweifel „Jana aus Kassel“. Die junge Frau aus dem hessischen Nordkap hatte bei einer „Querdenker“-Demo Flugblätter verteilt. Danach bekannte sie „ich fühle mich wie Sopie Scholl“.

Sie hat viel Kritik dafür einstecken müssen. Dabei lohnt es sich, ihr genau zuzuhören. Sie sagte ja nicht „ich bin Sophie Scholl“, auch nicht „ich bin wie Sophie Scholl“. Beides wäre wohl ein Fall für die Psychiatrie.

Sie sagte nur „ich fühle mich wie Sophie Scholl“. So wie viele Menschen in einem Glücksmoment sagen „Ich fühle riesig“, ohne einen Zentimeter gewachsen zu sein. Auch wer behauptet „Ich fühle mich wie ein König“ hegt deshalb noch keine monarchistischen Putschpläne.

Genau das ist ja das Schöne an den Quertreiber-Demos: Sie sind eine Form von gefühltem Widerstand. Man kann sich mutig, anständig und edel fühlen (was Sophie Scholl tatsächlich war), ohne jedes Risiko, bestraft zu werden. Dementsprechend werden die Demonstranten angetrieben von gefühlten Tatsachen. Meistens lauten die Schlagworte etwa so:

Corona
Impfpflicht,
Chip implantieren
Echsenmenschen
Merkel,
Hitler
Bill Gates,
Umvolkung
und
Diktatur.

Aus diesen Bestandteilen kann sich jeder Leser seine persönliche Weltsicht mixen. Und dann viel Spaß auf der nächsten Querschläger-Demo.

Diese Demos sind im Grunde ein Nichtschwimmer-Becken der Demokratie. Man kann kurz mit dem großen Zeh ´reinfühlen, wie es wohl wäre, eine politische Haltung zu haben. Anschließend geht´s wieder husch-husch zurück in die bürgerliche Komfortzone.

Egal ob man an Echsenmenschen glaubt, an die jüdische Weltverschwörung oder an nichts von all dem. Selbst wenn man einfach nur keine Lust hat, Masken zu tragen und auf andere Rücksicht zu nehmen. Hauptsache, man ist dabei und man ist bei den Guten. Den Durchblickern.

Nicht zu verwechseln mit den Gut-menschen. Das sind die anderen, die nur nerven und ständig irgendwas fordern für Menschen, die nicht mal deutsch sind.

Und das Beste daran: Die Polizei begleitet und sichert jede Nichtdenker-Demo. Die Polizei beschützt also mein Recht, mich so zu fühlen, als würde ich von der Polizei verfolgt. Das ist Demokratie als real-life-event zum Mitmachen. Viel spannender als alles Reden über Inzidenz, Infektion und Impfstoff.

Ganz Mutige nehmen dabei die Maske ab und zeigen: Seht her, ich bin subversiv, ich tue etwas verbotenes. Und wenn man damit das Ableben der lästigen Altvorderen beschleunigt – umso besser.


1 Kommentar

per seneca ad astra : Die Blog-Partei · 3. August 2021 um 20:16

[…] Sie sind also doch kein großer Freund von Frau Merkel. Würden sie etwa lieber bei den sogenannten Querdenker-Demos mitlaufen?S: Vor nichts muss man sich mehr hüten, als dass man wie das Herdenvieh den […]

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