Bild: S. Hermann und F. Richter, Pixabay

Eigentlich hatte ich die Lösung schon gefunden: Ein praktischer Kunststoff-Tannenbaum. Oh Plastikbaum oh Plastikbaum, wie immergrün sind deine Blätter, du grünst nicht nur zur Weihnachtszeit, auch nächstes Jahr stehst du bereit. So erklang mein Loblied.


Die Suche beginnt


Nur meine Frau stimmte nicht mit ein. „Unromantisch!“ sei so ein Baum, der doch gar keiner sei, und „unromantisch!“ sei ich vor allem selber und überhaupt.
Ein Argument, das mit „und überhaupt“ endet, ist schwer zu widerlegen. Ich versuchte es trotzdem. „Mitten im Lockdown? Wo soll ich denn da einen finden?“ Sie aber zuckte nur die Schultern. „Weihnachtsbaum ist täglicher Bedarf.“

Sie hatte Recht. Es scheint tatsächlich Menschen zu geben, die dieses nadelige Ungeheuer täglich in ihrem Wohnzimmer brauchen. Sei es nur zum anschauen, behängen und darüber streiten. Zu mehr ist ja so ein Baum nicht zu gebrauchen.

„Außerdem kosten Naturbäume weniger Steuern.“, legte sie noch nach. Und hatte wieder Recht. Für Naturbäume gilt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz, für ihre Plastikkameraden nicht. Die Worte „weniger Steuern“ üben auf mich einen unwiderstehlichen Reiz aus. Ich kann nichts dagegen tun. Ob am Flughafen, beim Online-Shopping oder in der Wahlkabine: Schon oft bin ich ihrem süßen Klang erlegen. So auch jetzt.

Ich zog also los auf der Suche nach dem Baum ihrer Träume. Schon bald stand ich vor der Tür meines Lieblings-Baumarkts, wo jede Menge Bäume im Angebot waren. Die meisten allerdings sahen schon arg zerzaust aus. Ein solches Exemplar mit nach Hause zu bringen, würde den Familienfrieden ernsthaft gefährden. Dann lieber etwas naturgewachsenes, ein Baum direkt vom Erzeuger.

Auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt wurde ich schließlich fündig. Allerdings kosteten die Bäume hier auch deutlich mehr. „Ist da schon die Mehrwertsteuer drin?“, wagte ich zu fragen, „Oder kommen da noch fünf Prozent drauf?“

„Fünfeinhalb.“, verbesserte mich der Junglandwirt dreist, „Wir pauschalieren.“ „Ihr tut was?“, fragte ich entsetzt. „Wir pauschalieren.“, wiederholte er, „Das heißt, wir haben unseren eigenen Steuersatz. Und das sind fünfeinhalb Prozent.“

Das ging mir dann doch zu weit. „Junker vom Lande“, sprach ich, „besinne dich deines Standes! Tu, wozu der Allmächtige dich bestellt hat. Du hast die Scholle zu beackern, das liebe Vieh zu versorgen und dir bei RTL2 eine Frau zu suchen. Wie es sich von Alters her geziemt. Das Pauschalieren aber und auf halbe Prozentpunkte schauen lasse sein. Solches gebührt dem Stadtbewohner, also mir. Und jetzt her mit der Tanne, ich nehm´ die große da am Rand der Schonung.“

„Auf die gibt’s 10,7%!“, brummte er. „Ist ´ne Sonderkultur.“ Dabei wies er auf einen winzigen Graben, der die Schonung vom restlichen Wald trennte.


So kann man mit mir aber nicht umgehen

Nach kurzer Internet-Lektüre einschlägiger Steuertipps-Seiten wusste ich, was ich zu tun hatte. Nachts schlich ich mich heimlich mit Benzin bewaffnet zurück zu dem Bauernhof. Ich legte an drei Seiten des Waldes Feuer und ließ nur diese eine Schonung aus. „Das wird dich lehren!“, dachte ich grimmig. „Ab morgen hast du nur noch weniger als 140 Bäume. Die sind dann steuerfrei!“ Bei dem Wort musste ich wie irre lachen. „Steuerfrei! Steuerfrei! Steuerfrei!“

Leider blieb meine nächtliche Aktion nicht unbemerkt. Schon am nächsten Morgen stand die Polizei vor meiner Tür und bestand darauf, mich mitzunehmen. Vor Gericht erklärte ich vergeblich, wie mich die Steuergesetze quasi zu der Tat gezwungen hatten. Ein nutzloser Nadelbaum als täglicher Bedarf, für den es vier verschiedene Steuersätze gibt. Da muss der Mensch ja durchdrehen.

Meine Frau tut mir leid. Sie muss die Feiertage ohne mich verbringen. Seltsamerweise besucht sie mich nie. Hat sicher zu viel zu tun, der Weihnachtsstress, man kennt das ja. Ich dagegen habe hier viel Zeit. Darum weiß ich jetzt, was ich mache, wenn ich wieder frei komme. Als erstes trete ich den Streitkräften von Luxemburg bei. Als NATO-Soldat bekommt man nämlich Weihnachtsbäume immer steuerfrei. Wahrscheinlich braucht der Soldat sie als Tarnung. Eben täglicher Bedarf. Fragt sich nur: Wer hat mehr Lametta? Soldat oder Baum?

Wenn ich schon einmal da bin, bestelle ich mir in Luxemburg gleich den Baum für das nächste Jahr. Importbäume sind auch steuerfrei.

Vorerst genieße ich die Ruhe hier in der JVA. Wir haben eine kleine Gefängniskirche mit einem wunderschönen Baum. Er ist aus Plastik.


1 Kommentar

von käfern und kröten : Die Blog-Partei · 15. September 2021 um 15:55

[…] Wir sind schließlich kein Einwanderungsland für ausländische Schmarotzer. Und was in der Natur gilt, gilt das nicht auch für uns Menschen? Die Parallelen scheinen unübersehbar.Nun haben die […]

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