Bild: Vanja Milicevic, Pixabay

Ich hatte es eilig und erwischte gerade noch meine Bahn. Beim Einsteigen stieß ich aber mit einem jungen Mann zusammen. Der Mann hatte ein Baby im Arm.

„Entschuldigung, das war keine Absicht.“, sagte ich schnell.

Der Mann sah mich prüfend an. „Ist nicht so schlimm – Boomer!“ zischte er.

Augenblicklich wurde es still um uns. Ich spürte die Blicke aller Fahrgäste auf mir. Der junge Mann wiegte sein Kind, das kurz aufgewacht war, nun aber wieder einschlief.
„Sie haben wahrscheinlich keine Kinder. Oder?“

„Nein, äh, ich meine, wir hätten schon gerne, aber irgendwie…“


„Schon klar“, höhnte er. „Immer nur an sich selbst denken.“

„Naja“, wagte ich einzuwenden, „dafür zahlen wir ja z. B. auch mehr in die Pflegeversicherung.“


Pflege?? Was weiß einer wie du von Pflege?“

„Schon gut“, beeilte ich mich zuzugeben, „Aber den Boomer-Soli, wenn er denn käme, würde ich natürlich auch bezahlen.
Wie den anderen Soli, den für die Menschen im Osten, denen ein Tyrann jede Freiheit genommen hat. Als Eltern haben Sie ja sozusagen auch ihren kleinen Tyrann, der ihnen auch jede Freiheit…“


„Typisch! Sie meinen, Sie könnten sich so einfach freikaufen. Dabei sind Kinder unsere Zukunft.“

„Ja, schon. Aber immerhin habe ich ja auch gearbeitet für mein…“

„Ach sooo! Der feine Herr hat gearbeitet! Schön gebuckelt und Karriere gemacht, wie? Erst fette Kohle verdient und dann auch noch fette Rente. Während wir…“


„Na gut! Ich habe schon auch Geld damit verdient – und ja, auch in die Rente eingezahlt. Deswegen soll ja meine Generation jetzt auch ein soziales Jahr vor der Rente leisten.“


„Ein Jahr? Ein Jahr? Ich habe mich schon drei Jahre um den Kleinen gekümmert. Kita-Plätze gibt es keine, also dauert es mindestens sechs Jahre, bis er wenigstens den halben Tag über in die Schule kommt. Und ich tue es gern!“

„Gut“, sagte ich, nachdem der Applaus der anderen Fahrgäste abgeklungen war. „Das ist natürlich großartig von Ihnen, aber so ein soziales Jahr, das kann ja auch bei der Bundeswehr abgeleistet werden. Und vielleicht werden wir dann ja als Friedenstruppe gebraucht, zum Beispiel in der Ukraine. Und wenn der Russe dann doch kommt – da würde sich die Boomer–Frage von selbst lösen.“

Das leuchtete meinem Gegenüber ein, und mit anerkennendem Kopfnicken ließ er mich ohne ein weiteres Wort aussteigen.


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